Landesverband der Film-Autoren Baden-Württemberg e.V.

Gedenken an Egon Ludwig

Gedenken an Aktive des Landesverbands

In tiefer Trauer muss ich allen Filmfreunden, Freunden und Bekannten unseres Filmclubs sowie allen meinen und unseren persönlichen Freunden im Bundesverband mitteilen, dass unser gemeinschaftlicher Freund

Egon Ludwig

am 27. Mai 2022 im Alter von 83 Jahren verstorben ist.

Egon war seit 1976 Mitglied im Filmclub und wurde im Jahr 1980 erster Vorsitzender. Die darauffolgenden 25 Jahre waren für den Club nicht zuletzt wegen seinen vielen erfolgreichen Filmen, aber auch wegen unserer hervorragenden Zusammenarbeit und Freundschaft, die auch für den ganzen Club erfolgreichsten Jahre. Immerhin fielen in diese Jahre die von allen Besuchern hochgelobten Landes-Filmfestivals 1982, 1993 und 2000. Die Krönung waren die Deutschen Autoren-Film-Festspiele DAFF 1989, ein fünftägiges Filmfestival im ganzen, neuerbauten Graf-Zeppelin-Haus.

Kurz vor unserer DAFF erreichte uns beide eine freudige Überraschung:
Lothar Späth, Ministerpräsident unseres Landes plante für Dezember 1989 eine Regierungserklärung zur Kunstkonzeption vor dem Landtag Baden-Württemberg. Zu diesem Anlass sollte ein 400-seitiges Buch gleichen Titels erscheinen. Darin soll im Kapitel 4 „Film“ auch der Amateurfilm beschrieben sein.
Kurzfristig wurden wir beide ins Staatsministerium Baden-Württemberg zum Koordinator für Kunstförderung, Herrn Dr. Dr. Hannes Rettich nach Stuttgart eingeladen. In einem mehrstündigem Gespräch hatten wir Gelegenheit, Aufgaben und Ziele des Amateurfilms ausführlich zu beschreiben. Insbesondere unsere bevorstehende Ausrichtung der Deutschen Amateur-Film-Festspiele in Friedrichshafen, ihr Ablauf und die Bedingungen, die ein Film zur Erreichung eines so hohen Ziels bestehen muss, war von besonderem Interesse.

Unsere Freude war groß, als wir im Januar 1990 ein druckfrisches Exemplar des Buchs zugesandt erhielten. Und erst, als wir uns beide, zusammen mit Erika Pilat, Jardine Gomes und Roland Schutzbach auf einem ganzseitigem Farbbild bei der Schneidarbeit für einen 16mm Dokumentarfilm sahen.Das Bild entstand im noch unfertigen späteren Festsaal von Schloss Gießen, in dem in den vergangenen Jahren auch mit dem ganzen Filmclub, zusammen mit Egon gefeiert wurde. Meistens mit einem Film von ihm.

Unser positiv aufgenommener Besuch in Stuttgart war Grundlage für die bis heute mögliche finanzielle Unterstützung des Landes bei Geräte-Anschaffungen in Filmclubs. Das erfuhren wir später von unserem damaligen Landesvorsitzenden, Ulrich Rohm.

Ein weiterer Grundstein für unseren, bis heute so stabilen Club ist „unser“ Spektrum, das wir im Jahr 1986 beziehen durften. Viele Clubs beneiden uns um dieses Haus in einer Stadt, die so großzügig und aufgeschlossen ist für ehrenamtliche, dem Gemeinwohl dienende Vereinsarbeit. Dank unserer Freundin Stadträtin Rotraut Binder waren wir die ersten, die einziehen durften. Einen Namen brauchten wir, Rotraut sprach von bunt gemischten Nutzern. Als Optiker meinte ich: Wenn man strahlend weißes Licht mit einem Glasprisma in seine Farben zerlegt, entstehen die Regenbogenfarben, das nennt man… und schon war der Name geboren. Rotraut, Egon und ich waren schon so ein besonderes, kleines Team, dem der Schalk im Nacken saß.


Kleine Anekdote: Wir hatten keine Stühle für den Saal. In unserem „Stadttheater“, der Turn- und Festhalle, wusste ich, dass die alten unbequemen Holzklappstühle im Keller rum standen. „Ich klau sie“ sagte ich, fuhr mit meinem Anhänger vor und sagte: „Ich soll da vierzig von den alten Stühlen für das städtische Vereinshaus abholen“. Der Hausmeister glaubte mir und half sogar beim Transport. Rotraut wurde Haus-Sprecherin, die gemeinsamen Jahresfeiern mit Darbietungen einzelner Vereine waren immer ein Erfolg. Wir immer mit ein paar Filmen von Egon.

Die eigene, mit Helfern vom Club selbst gebaute Projektionskabine mit fest eingebautem Super-8 – Filmprojektor bestaunten alle. Heute muss der Film-Projektions-Beamer im Raum stehen, Ton und Bild kommen weiterhin aus der Kabine. Diese schmückt ein riesiges von Egon gemaltes Bild, die Projektionsfenster darunter verdeckend, aber weiterhin über Rollen und Seile versenkbar. Das Spektrum war auch unzählige male Austragungsort der Club- und Regional-Filmwettbewerbe. Besucher aus Nah und Fern fühlten sich wohl bei uns.

Egons filmische Aktivität zu beschreiben ist fast unmöglich. Einen kleinen Einblick geben uns nüchterne Zahlen: 204 von ihm erstellte Filme sind namentlich bekannt, davon sind nur 71 Filme von Sigurd Heimann in seinem von ihm verwalteten und gepflegten Filmarchiv vorführbar katalogisiert. 28 Filme erreichten ein Landes-Filmfestival, 15 Videofilme die Videografika. Über die erzielten Preise sollte noch recherchiert werden. In der Festschrift zum 40-jährigen Bestehen des Landesverbands der Film-Autoren Baden-Württemberg 1976 – 2016 steht Egon an erster Stelle der Top – 10 – Filmer. Bei Bundeswettbewerben konnte er mit 16 Filmen 9 Bronze- und 2 Silbermedaillen erreichen.

Das soziale Engagement ist heute wichtiger den je. Den Titel ‚Gemeinnütziger Verein‘ gilt es laufend zu verdienen. Egon war mit 100 Filmvorführungen bei Gemeinden, Vereinen, Seniorenheimen dabei. Wir beide führten im Auftrag der Stadt, für Einheimische und Touristen knapp 100 mal die 16mm – Zeppelin-Filme vor. Anfangs im Buchhorn-Filmtheater, später im Graf-Zeppelin-Haus. Erfreulicherweise wird dieses soziale Engagement unserer aktiven Margrieth und Walter Beller und unserem 1. Vorsitzenden Sigurd Heimann in Egons Sinn weiter geführt. Auch das Angebot für unsere weit über 65-jährigen, zum Teil alleinstehenden Seniorinnen und Senioren, sich regelmäßig zu einem Filmabend im eigenen Clubheim treffen zu können, ist in unserer Stadt geschätzte und honorierte Sozialarbeit. Ganz besonders jetzt zum erhofften Ende der coronabedingten Isolation. Zudem ist es für aktive Filmer ein wichtiges Podium mit Publikum, um ihre Filme zeigen zu können.

Als wir Egons Mitgliedschaft im Club (1975 – 1985) feiern konnten, bekam ich von ihm das schönste Geschenk, das man sich vorstellen kann: eine 52-seitige, eigenen Biografie über diese ersten 10 Jahre zusammen und gemeinsam erlebte und gelebte Freundschaft. Es war nicht nur übergroße Freude, ich war in tiefstem Herzen gerührt. Der Titel des Büchleins, Auflage 2 Stück:

Weißt Du noch…?

Einen der erschütterndsten Augenblicke in meinem Leben musste ich ich Anfang Mai diesen Jahres erleben. Es war Egons Telefon-Anruf: „Werner, ich möchte mich von Dir verabschieden. Ich weiß, dass ich jetzt bald gehen werde“.

Kressbronn, den 08. Juni 2022
Werner Hein
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